Stadttheater Giessen
    Wer wir sein wollten und geworden sind

    Wer wir sein wollten und geworden sind


    Übers Erwachsenwerden: Abdul-M. Kunze inszeniert auf der TiL-Studiobühne »Die Durstigen« von Wajdi Mouawad


    Eine metallene Plattform, auf der sich zwei Duschzellen gegenüberstehen, dazwischen liegt haufenweise Schnee: Es ist ein statischkaltes Bühnenbild, das Udo Herbster in Abdul-M. Kunzes Inszenierung von Wajdi Mouawads Jugendstück »Die Durstigen« präsentiert, auf schlichte Weise eindrücklich. Im Vordergrund erzählt der Gerichtsanthropologe Boon seine Geschichte, die Geschichte einer Erstarrung. Im Hintergrund, auf eisigem Schauplatz, agieren zwei Leichen. Die Betonung liegt aber auf »erzählt«, denn so, wie »Die Durstigen« sich bei der Premiere im TiL am Freitagabend darboten, waren sie weniger die Akteure eines Theaterstücks, sondern Protagonisten eines literarischen Spiels mit theatralischen Anleihen. Langsam aber beharrlich taut der Schnee und gibt frei,was er verborgen hielt. Die Leiche, die der merklich verunsicherte Boon (Frerk Brockmeyer) diesmal vor sich hat, ist der seit 15 Jahren verschollene Murdoch (Dominik Breuer), ein Freund aus der Zeit seiner eigenen Adoleszenz, die mit einem performativen Suizid endete, dem Entschluss, den literarisch ambitionierten Jüngling für immer abzuschreiben, um sich irgendwie in die alltägliche Infamie, die Biederkeit seiner Nachbarschaft oder – wie es im Stück heißt – die »Hässlichkeit des Lebens« einzufinden. Gemeint ist die Hässlichkeit, die sich dann einstellt,wenn man im Zuge des Erwachsenwerdens die existenziellen Fragen der Jugend als Weltschmerz bagatellisiert, ignoriert oder gar vergisst, die Hässlichkeit des Gleichgültigen. Inspiriert und ermutigt durch den so rebellischen wie verzweifelten Murdoch, der – »nein verfickte Scheiße, ich halte nicht meine Klappe « – gegen das Schweigen der scheintoten Gesellschaft aufbegehrt, schrieb er ein Theaterstück, in dem er die Figur Norwegens (Anne Berg) erfand, ein Mädchen, das an der Borniertheit der »lidlisierten « und »ikeaisierten« Gesellschaft zugrunde geht. Doch das Jugendwerk – es war eine Hausaufgabe, die er für seinen Bruder erfüllte – erhielt nur Hohn und Spott. Der Misserfolg entfremdete die Brüder und ließ den begabten Schüler Boon konsequent den Weg der Anpassung beschreiten. Die Begegnung mit den Toten Norwegen und Murdoch setzt aber einen inneren Prozess in Gang, an dessen Ende er den Künstler in sich rehabilitiert. In seinen polyperspektivisch inszenierten Erinnerungen, die durch Licht- und Soundeffekte verständlich werden,durchdringen sich Realität und Fiktion, ebenso in der Inszenierung selbst, die mit einer Datierung beginnt: Es ist der 7. Januar, wodurch das Publikum direkt angesprochen, quasi in das Spiel integriert wird. Doch das somit angelegte Wechselspiel findet im Fortgang der Aufführung nicht statt, es bleibt bei einem passiven Zuschauen beziehungsweise Zuhören, denn in Nina Sahms dramaturgischer Reduzierung des vielschichtigen Stücks wird der Text erheblich aufgewertet. Leider fanden die Darsteller in seiner Umsetzung an diesem Abend nicht zu der Intensität, nach der er eigentlich verlangte. Die Kälte der Szenerie, die Boons Gebrochenheit figuriert, kontrastieren die wutentbrannten Tiraden Murdochs. Doch sie erzielen nicht die fraglos intendierte Betroffenheit des Zuschauers, dem der hoffnungslose Spinner bestenfalls ein wenig leid tut, obschon man versteht,was in ihm vorgeht. »Wer erklärt mir die Welt?«, schreit der junge Mann in eine von ihm als sinnentleert empfundene Welt hinaus und meint damit die wirklich wichtigen Fragen, nicht die Namen irgendwelcher Hauptstädte und Flüsse, mit denen sich seine Lehrer voll Unverständnis für seine aggressive Haltlosigkeit vor seinen unbequemen Fragen zu schützen suchen. Man wünschte, sein Schmerz ginge einem so richtig unter die Haut. »Die Durstigen« ist ein Stück übers Erwachsenwerden, darüber, wer wir sein wollten, hätten sein können, geworden sind. Über die Sehnsucht nach Wahrheit, Geborgenheit, Trost durch Schönheit. Über Desillusionierungen und die Flucht nach vorn. Über bedrohliche Risse in den Fassaden spießiger Wohnviertel, in denen zuverlässige Linienbusse scheinbar gefühl- und gedankenlos gewordene Individuen immer wieder von A nach B und zurück befördern. Und schließlich: ein Stück des Innehaltens, der Rückbesinnung und des neuerlichen Aufbruchs, denn der Autor der »Durstigen « ist in der Logik des Stückes wohl Boon selbst. Es hätte trotz des optimistischen Endes eine Provokation werden können, eine eiskalte Klatsche. Der Schnee lag ja schon bereit! Eine handfeste Abreibung, die das Publikum ordentlich durchblutet hätte. Stattdessen gab es einen artigen, recht behaglichen Applaus, der doch so viel Wärme ausstrahlte, dass man um eine Unterkühlung der Darsteller ob der nasskalten Spielstätte nicht fürchten musste. Das vorhandene Potenzial der Inszenierung scheint indes (noch) nicht ausgeschöpft. Matthias Luft, 10.01.2011, Gießener Allgemeine Zeitung